Tanja Raich

beschreibt die Selbstaufgabe für ein Wir

Tanja Raich (c) Kurt Fleisch

(c) Kurt Fleisch

Alles beginnt in Jesolo. Andrea und Georg machen Urlaub wie jedes Jahr. Es ist ein wenig Sand im Beziehungsgetriebe, aber an sich alles wie immer. An sich fühlt sich Andrea frei und behält sich einige Türen offen. Sie hat noch Träume und genießt ihren Lebenswandel, nur diesmal kommt sie schwanger aus dem Urlaub zurück und sukzessive ändert sich alles. Kinder waren nie ein Thema, abtreiben ist es aber auch nicht. Jetzt gilt es Entscheidungen zu treffen: vermeintliche Sicherheit statt gelebter Freiheit; gemeinsamer Kredit statt getrennte Wohnungen; und anstatt eines After-Work-Drinks mit Arbeitskolleginnen mit der Schwiegermutter ins Möbelhaus. Ein Kompromiss jagt den nächsten. Georg ist überglücklich und Andrea wird überrannt. Georg geht im Nestbau auf und Andrea unter. Die Freundinnen und Freunde sind keine Hilfe, die haben ihre Leben auch schon in Reih und Glied gebracht. Es folgt ein Hineinschlittern in das patriarchale System. Schluss mit Aus-der-Reihe-Tanzen – jetzt ist die von Umfeld, Eltern und Georg fleißig untermauerte Gleichschaltung Programm und Andreas Wünsche bleiben auf der Strecke. Dafür gibt es von allen Seiten Ratschläge wie Faustwatschen. Mann und Frau nähern sich – so schnell kannst gar nicht schau’n – dem dörflichen Ideal und Lebensziel: Haus, Kind, 2 Autos (bzw. Kredit, Kredit, Kredit und Sonntags-Kaffee-und-Kuchen bei den Schwiegereltern).

„Jesolo“ (2019, Karl Blessing) – ein, in politisch schwer konservativen Zeiten wie diesen, wertvoller Debüt-Roman, der vorführt, was in punkto Reproduktion und Lebensplangestaltung leider noch immer gang und gäbe ist.